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Ullrichs shots

70km, 2350 Höhenmeter, das Frühstück erst um 07:30 Uhr, die Eisdiele in Livigno schließt um 18:00 Uhr und der Wetterdienst sagt ab ca. 15:00 Uhr Gewitter in Livigno voraus. Das sind keine besten Voraussetzungen, Livigno trocken zu erreichen um dann noch ein Eis in der Lateria di Livigno zu genießen. Frank hat Respekt vor den 2350 Höhenmetern. Ich denke, es ist gut machbar, jedoch nur, wenn wir um 07:30 Uhr los fahren. Doch Frühstück gibt es nicht früher. Somit möchte sich Frank zu Claudia und Sabine gesellen, die die ersten 500 Höhenmeter ins Bergmannsdorf S’Charl mit dem Postbus fahren möchten. Wir kommen so zwar auch nicht früher in Livigno an, hätten aber Kraft gespart und das zumal die Teerstraße nach S’Charl nicht ganz so spannend ist. Wobei die hoch aufsteigenden Berge im Tal schon sehr imposant sind. Ich würde jedoch gerne mit dem Rad fahren, entscheide mich aber doch für die Bustour. Nicht, um das Horn eines Schweizer Postbusses zu hören, sondern, weil ich mit Frank unterwegs sein möchte, der alleine kein Postbus fahren möchte. Und die Wettervorhersage, die je nach Wetterdienst eben Gewitter voraussagt, spricht eigentlich auch dafür, früher in Livigno anzukommen.


Also ab in den Postbus. 14 Schweizer Franken für mich und genauso viel für mein Rad. Also knapp 28 Euro. Gleiches bezahlen Frank, Claudia, Sabine und Hans, der sich kurzentschlossen noch zu uns gesellt. Der Rest der Truppe fährt. Jedoch müssen Marvin, Jörg und Franz, der Guide ja auch nicht mehr über das Val Mora, den Gallo-Pass und dann nochmal den Trela Pass. Sie fahren vom Ofenpass herunter und lassen sich durch den Tunnel nach Livigno shutteln. Das ist jedoch nicht die Strecke von Frank und mir.

Wir fahren also mit dem Bus  nach S’Charl, verabschieden uns von den anderen Drei und treten in gutem Tempo in Richtung Alpe Astras. Linksseitig lassen wir den höchsten Zirbenwald Europas liegen. Dort kommt sicher das Holz für unser neu erstandenes Bett her (oder eher auch nicht ?). Die Alpe Astras ruft stolze 5 Euro für eine kleine Flasche Cola auf. Frank und ich wollen Zucker, also geben wir das Geld aus. Zudem war die „Wirtin“ mehr als wortkarg, ich würde es sogar unfreundlich bezeichnen. So habe ich mich im Nachhinein geärgert, dass ich die kleine Erfrischung nicht auf der Alp Campatsch zu mir genommen habe. Aber sei es drum, wieder etwas gelernt. Hier lasse ich in Zukunft kein Geld mehr. Ggf. weil ich hier nicht mehr langfahren werde?

Nun ging es über den Pass Costainas und der Alpenhauptkamm müsste überschritten sein. Das Wetter war auf der nun folgenden Abfahrt schon recht warm. Und das ist doch ein eindeutiges Zeichen, oder ?. Und auch auf dem nachfolgenden Singletrail, den wir aufwärts fahren und schieben mussten war es ebenfalls recht warm. Die Kräfte waren noch da, aber wir hatten ja noch einiges vor uns und so motivierte uns der linksseitig immer wieder sichtbare Ortler. Ein grandioser Ausblick, dieser höchste Berg in Südtirol, der mit Schnee bedeckt so majestätisch über den anderen Bergen liegt. Und wir sahen auch die Straße zum Umbrailpass aus dem Val Mustair, den Frank und dich vor zwei Jahren einmal gefahren waren. Auch konnten wir den Weg aus dem Val Mustair zum Döss Radond erahnen, den wir seinerzeit mit Holger Schaarschmidt auch bei heißen Temperaturen erklommen hatten. So beeindruckte mich die Erinnerung, aber auch die Gegenwart. Hier die für mich unbeschreiblich schöne Natur. Doch auch dieser Eindruck hatte irgendwann ein Ende, denn es ging über eine lange Abfahrt in Richtung Ofenpass, die angesichts von teils rutschigem Schotter oftmals volle Konzentration erforderte.

Die letzten Meter zum Ofenpass erforderten nicht viel Konzentration oder Kraft. Sozusagen Business as usual. Lediglich die unfreundlichen E-Biker, die uns in einer Kolonne recht eng überholten und dabei noch nicht einmal grüßten (OK, der vorletzte von denen tat es) waren nicht business as usual. Oder sie waren es, und ich muss mich an solche Unfreundlichkeit gewöhnen. Ähnliches hatten wir ja schon am Marienbergjoch erlebt.

Am Ofenpass selber war die kleine Flasche amerikanisches Sodagetränk billiger 4,20 Euro. Bei dem Schnäppchen haben wir dann gleich doppelt zugegriffen, unsere vorher in Scoul gekauften Vinschgerl gegessen um  gegen 12 Uhr und ein paar Minuten später auf einem schönen Singletrail zur Buffalora Alpe zu fahren, wo uns wieder ein knackiger Anstieg erwartete. Schieben war angesagt, aber das gehört ja zum Mountainbiken dazu. Das ist sicher keine Schwäche, sondern kann auch Taktik sein. Denn nach dem Anstieg ging es über das Val Mora, und wir konnten die Hochebene ausgiebig genießen. Nachdem uns ein VW Amarok überholt hatte, war bis zum Livigno-Stausee keine Menschenseele mehr zu sehen. Ach halt, uns kamen zwei Mountainbiker entgegen.

Auf dem Schotterweg, der uns in ca. 80 Meter Höhe am Livigno-Stausee in Richtung Lago die San Giacomo und somit aus der kostenintensiven Schweiz wieder nach Italien brachte passierte es: Der Weg war weg. Ein Steinrutsch verschüttete offensichtlich den Weg. Nun war ein Steilhang von ca. 60 Grad vor uns, und wir mussten diesen über eine Länge von ca. 3 Metern überwinden. Unter uns geschätzte 80 Meter 60 Grad abgängige Schotterwüste, die in den Livigno Stausee führte. Stück für Stück arbeitete ich mich vor. Keine richtige Stufe, auf der man stehen konnte. Mein Herz schlug, ich beruhigte mich immer wieder, aber die Gefahr des Abrutschens war durchaus gegeben. Nach einigen Minuten war ich drüben. Nun war Frank dran. Auch er bemühte sich redlich, nutzte jedoch eine andere Taktik als ich. Hierbei half ich ihm auch und auch er hatte es letztlich natürlich geschafft, dieses Hindernis zu überbrücken. Eine oberflächliche Abschürfung an meinem rechten Unterarm war das Ergebnis. Aber das ist Kleinkram, verglichen mit der Gefahr, die wir beide wahrgenommen hatten.

So ging es recht zügig weiter in Richtung Lago di San Giacomo bzw. Lago di Cancano. Der Rest unserer beiden Vinschgerl wurde gegessen und gegen 15:00 Uhr waren wir am Fuße des Aufstiegs zur Trela Alp. Ein widerlicher Aufstieg. Rutschig geht es auf wenigen Kilometern ca. 200-300 Höhenmeter nach oben. Ich kam heute so weit, wie noch nie beim Aufstieg. Frank zog es vor, den Weg per Pedes zu gehen. Und er sollte es nicht bereuen. Als ich auf der Alpe Trela auf ihn wartete, um die letzten Meter zum Trela Pass auf mich zu nehmen, fuhr eine nette Mountainbikerin an mir vorbei und fragte, ob ich auf meinen Kumpel warten würde. Er hätte sie mit hoch gezogen. Sie war sichtlich beeindruckt und nachfolgend kamen wir in ein weiteres Gespräch mit ihrer Gruppe, die sie am heutigen Tag aus Santa Maria hier hoch brachte. Unsere Wege trennten sich nicht wieder, da auch diese Gruppe zum Trela Pass wollte. Wir fuhren in etwas Abstand, trafen uns am Trela Pass wieder und fuhren uns gegenseitig überholend den feinen Singletrail 4 Kilometer bergab. Die letzte Steigung, dann noch ein Waldtrail und wir waren in Livigno.

Vor 18 Uhr konnten wir unser Eis in der Lateria schleckern. Natürlich nicht alleine, denn die besagte Gruppe mit der Mountainbikerin aus Hamburg, die nun wegen der Liebe und Arbeit in Stuttgart wohnte, gesellte sich zu uns und so aßen wir das Eis. Die Gruppe von Claudia kam fast gleichzeitig an und genoss ebenfalls Eis. Jedoch in einer anderen Eisdiele.
Mehr gibt es über diesen Tag nicht zu berichten, außer, dass die Lateria das bessere Vanille Eis hatte, während ich das Erdbeereis in der alternativen Eisdiele doch besser fand. Aber jetzt Schluss, die vorletzte Etappe steht vor der Tür und so hieße es schlafen gehen.

Halt, da war doch was. An Schlafen war nicht zu denken. Irgendwelche Zeitgenossen im Zimmer unter uns hatten offensichtlich viel Spaß. So viel Spaß, dass einer dieser Zeitgenossen irgendwann auf dem Boden kniete, weil er sich den Bauch vor Lachen halten musste. Das blieb auch uns im Zimmer drüber nicht verborgen und irgendwann konnte ich auch nicht mehr lachen. Zu lustig waren die per WhatsApp ausgetauschten Nachrichten und das akustisch Wahrgenommene. Jörg und Marvin haben trotz der Anstrengungen der letzten Tage ihre Energie offensichtlich nicht gänzlich verbraucht und nutzten Sie zur Freude von uns allen. Ihr seid einfach klasse!!

 

Nun wieder einige Bilder des Tages: 

 

Der schneebedeckte Ortler im Hintergrund sticht in der Ferne recht imposant hervor

Nach dem anstrengenden Aufstieg von der Alp Buffalora ein Blick zurück. Die Bergwelt hier ist wunderschön

Val Mora, unser Ziel nach dem Ofenpass. Hier waren wir fast ganhz alleine

Einige Kühe sahen uns ungläubig zu

Hier war der Weg durch einen Erdrutsch schwer passierbar. Gemeinsam haben Frank und ich es jedoch (bei einiger Angst angesichts des Steilen Abhanges) geschafft, die glatte Fläche zu überwinden

Der Aufstieg zur Aple Trela ist kein Zuckerschlecken.

Der vierte Tag sollte uns nun über den Fimberpass in Richtung Schweiz führen. Wir fuhren heute getrennt von der Gruppe. Wir waren ja auch Indis. Doch so ganz verließ uns die Gruppe nicht. Denn wie schon erwähnt, wollten Jörg und Marvin den Weg über den Fimberpass fahren. Und so konnten sie mit uns die Strapazen auf sich nehmen. Natürlich nicht ganz von unten aus Ischgl. Holger- ein anderer Guide- fände die Auffahrt zur Heidelberger Hütte wahrscheinlich angebracht. Aber wir wollten genießen, Spaß haben, die Natur und Sonne, die den heutigen Tag begleitete, genießen. Und so fuhren wir mit der Seilbahn erst einmal auf das Idjoch.


Hier trennte sich der Weg von Claudias Gruppe und uns. Während Claudias Gruppe über den Grenzkamm, der noch über einen weiteren Sessellift erreicht wurde, fuhr, um nachfolgend nach Samnaun abzufahren und über den Unterengadiner Höhenweg nach Scuol zu fahren verschlug es uns erst einmal auf einen Flowtrail bergab.

Heiko, der gestern schon hier gefahren war berichtete von nassen und auch ausgewaschenen Stellen, so dass wir darauf verzichteten, über die Greitspitz und den Salaaser Kopf herunter ins Fimbertal zu fahren. Wir fuhren also direkt von der Idalpe bergab über Flowtrails. An den nassen, ausgewaschenen Stellen waren Holzbohlen verlegt. Und das wäre fast mein Verhängnis geworden. Ich fuhr voran und merkte zum Glück auf der ersten Holzbohle beim Bremsen, dass diese Bohle wie Schmierseife war. Keine Bremswirkung! Ich brachte das Fahrrad noch unter Kontrolle, rief den anderen Vorsicht zu und musste merken, wie Adrenalin meinen Körper durchzog. Die erste Bohle war nass und matschig. Also konnte ich nicht von einer guten Haftung sprechen. Die nächste Bohle war nicht besser, war sie noch von Raureif überzogen. Also fuhren wir langsam bergab. Ich war heute der letzte, da ich immer noch vorsichtiger fuhr, als die anderen Drei.

Nach geschätzten 100 Höhenmeter Schieben ging es auf den nächsten Trail, der uns endgültig ins Fimbertal brachte. Hier kurbelten wir nun an schönen Wiesen vorbei mal etwas steiler, mal etwas flacher der Heidelberger Hütte entgegen. Ich vorweg, In einigem Abstand folgte mir Jörg und dann Frank und Marvin. Das Tempo lief gut und ich war nicht kaputt. Die Wärme, die sich mittlerweile einstellt, war auch kein Problem. Das einzige Problem war die Kuhherde, die vor einer Weidensperre stand und kein durchkommen versprach. Kälber waren von ihren Müttern umringt und so zog ich es vor, die Wiese hoch zu gehen, um in gehörigem Abstand über eine Feldmauer zu klettern, mein Bike ebenfalls darüber zu heben. Ich wollte die Tiere nicht stören und war nicht gerade darauf erpicht, Probleme zu bekommen. Während meines Aufstiegs auf der Wiese kam Jörg näher und die Herde löste sich etwas auf. Wie ärgerlich. Aber so konnte ich wieder einige Meter mit Jörg zu fahren, bis er das nächste Foto schoss. So fuhr ich die letzten Meter alleine zur Heidelberger Hütte. Hier sollte es ein Kaiserschmarrn sein. Der ist so hammergut auf der Hütte, so dass ich diesen auf jeden Fall noch vor der nächsten Anstrengung essen wollte.

Es gilt noch zu erwähnen, dass ich auf dieser Etappe wieder viele Murmeltiere hören und auch sehen konnte. Eines sogar recht nah, ca. 5 Meter von mir entfernt. Als ich jedoch auf die Pirsch ging, um ein Foto zu schießen, verkroch sich der kleine Racker schnell in seine Behausung. Aber auch auf dem späteren Aufstieg direkt zum Pass hörte ich mehrfach die possierlichen Tiere und sah auch einige, von denen eines sogar meinen Weg kreuzte.

Doch erst einmal an der Heidelberger Hütte angekommen, fühlte ich mich schlecht. Ich erfreute mich zwar an drei Murmeltieren, die miteinander spielten, aber irgendwie war ich leer. Ich weiß nicht, woran es lag. Interessanterweise ging es Jörg, der knapp 5 Minuten nach mir kam, genauso. Ich bestellte zwar den Kaiserschmarrn mit einer Johannisbeerschorle, aber so richtig Appetit hatte ich nicht. So teilte ich die Speise mit Jörg und das war auch genug. Mein Unwohlsein, entschwand jedoch nach 15-20 Minuten und so konnte ich den Kaiserschmarrn schon genießen. Eine zweite Schorle musste her um den Flüssigkeitshaushalt aufzufüllen. Denn nach dem frühen Mittag gegen 11:00 Uhr hieß es nun, den Aufstieg zum Pass wagen.

Zuerst führte Frank, dann zog es sich auseinander und ich konnte den Rest der Truppe hinter mir immer wieder sehen. Einige Meter konnte ich fahren, andere nur schieben. 500 Höhenmeter lagen so vor mir bzw. uns. Die Umgebung war eine Wucht. Schneedurchzogene Berge, blauer Himmel, Sonnenschein und völlige Einsamkeit -wenn man von den 2 Wanderern, die mich in den 60 Minuten des Aufstiegs beim Entgegenkommen begrüßten, mal absieht. Hier zeigt sich einfach ein weiteres Mal, wie klein wir doch alle sind. Und wie stark die Natur ist und wie schwach ich doch war (zum Glück war ich nicht der Einzige), zeigte sich auch an der letzten richtigen Steigung vor dem Pass. In Serpentinen ging es nun den Berg hoch. Das Fahrrad ist hier nicht mehr einfach zu halten. Selbst beim Schieben muss man ab und zu die Bremse ziehen, damit das Rad nicht zurück rollt. Die Höhe ist anstrengend, der Sauerstoffpartialdruck geringer, so dass das Atmen schneller ausfällt. Wir sind auf knapp 3000 Metern. Die habe ich auch bald erreicht, gehe über das letzte Schneefeld, wo man normal fahren würde. Und es ist geschafft!. "Wimboa-Bass" ruft mir 5 Minuten später Jörg in bestem Sächsisch  zu. Der Blick zurück, wunderbar. Der Blick nach unten ins Tal: ULP beschreibt es auf seiner Homepage so: „Ehrfürchtig blicken wir dem auf 2608 Metern gelegenen Fimberpass entgegen, dessen karge und raue Landschaft den Eindruck erweckt, man folge der Annapurna-Route (oder einem heiligen Bergpfad) im Himalaya. Auf einem wunderschönen Singletrail, der seinesgleichen sucht, verlassen wir diese hochalpine Region“. Und diesen Singletrail schauen wir uns von oben an. Wenn die Annapurna-Route genauso schön ist, wie die Abfahrt vom Fimberpass ins Unterengadin, so möchte ich da auch mal hin. Oder nein- wenn sie genauso schön ist, dann brauche ich da nicht hin, weil ich diese wunderbare Aussicht ja nun am Fimberpass erlebe.
Wir machen einige Fotos, Frank und Marvin kommen auch dazu. Marvin hat sich zwei Blasen gelaufen und wird fachmännisch medizinisch von unserem Rettungssanitäter Jörg versorgt und schon geht es bergab.

Das obere Stück des nun folgenden Singletails ist für meine Verhältnisse schon stark verblockt. Ich bin den Trail einmal mit Lutz, einmal mit Robert, einmal mit Holger und nun alleine gefahren. Und ich muss sagen, dass er in den letzten 5 Jahren zunehmend ausgesetzter geworden ist. So zumindest mein Gefühl. Also schiebe ich im oberen Teil mehr, als ich eigentlich möchte. Aber ich möchte hier auf keinen Fall stürzen. Trotz der -nach meinem Sturz 2018 und dem nachfolgenden Krankenhausbesuch- obligatorischen Knieschützer ist es mir hier doch zu gefährlich. Doch bald geht es wieder mit dem Fahren. Ein Schneefeld versperrt uns den Weg, wir gehen drüber um nachfolgend wieder zu fahren. An einigen Stellen erscheint mir der Trail zu rutschig. Ich habe offensichtlich den Sturz letztes Jahr noch nicht ganz verdaut, und so schiebe ich ab und zu ein wenig. Ich versprach es ja auch Claudia. Doch was macht Claudia gerade? Ist sie schon auf dem Unterengadiner Höhenweg? Das ist sicher auch ein grandioses Fleckchen der Erde. Die Aussicht dort ist wunderbar und ich konnte sie bei der „GoWild“ Tour mit Holger im Jahr 2017 genießen. Jedoch fuhren wir anders herum und ich kann mir so schon vorstellen, welche Herausforderung bei der mittlerweile gleißenden, heißen Sonne dieser Weg für Claudia sein mag.

Aber für mich und uns heißt es aufpassen. Die Kräfte sind ja nicht mehr die stärksten und so konzentrieren wir uns auf der nachfolgenden Speed-Abfahrt zur Tanna Da Muntanella in Griosch. Schade, der mir schon zweimal aufgefallene „Alp-Öhi“, der original wie im Heidi-Film aussieht, ist nicht da. Dafür die sehr nette Wirtin, die mir sogleich einen Rübli-Kuchen mit samt Alpenrosen-Sirup verkauft. Köstlich! So kann man es aushalten. Die Sonne scheint, ein toller Weg liegt hinter uns und wir haben noch einige wenige Trails durch den Wald in das Val Sinestra, über zwei Hängebrücken vor uns. Dieses gehen wir auch nach 40 Minuten an, um dann am späten Nachmittag in Sent und dann Scoul im Kanton Graubünden einzufahren. Der herrliche Wiesentrail mit Blick auf die Einfahrt zur imposanten Uina Schlucht und nachfolgend in das Tal, welches wir morgen nach S’Charl hinauf fahren wollen, beschließt den Tag.

Im Hotel Traube angekommen, heißt es Bike Pflege und Warten auf die Light-Gruppe, die mittlerweile „Leid-Gruppe“ getauft werden konnte. Denn die Light Variante der Strecke Garmisch-Comer See ist in meinen Augen eher eine Light+ Tour, wenn ich sie mit der Tour zum Gardasee vergleichen müsste.

Egal, die Gruppe ist auch da, das Abendessen, welches dem sehr angenehmen und geschmackvollem Ambiente des Hotels Traube in nichts nachsteht, beschließt irgendwann den Abend. Halt, noch nicht ganz. Wir schauen aus unserem Fenster des kleinen Zimmers unter dem Dach und sehen noch Jörg und Marvin ganz alleine auf der Terrasse etwas trinken. Was? Na, Claudia und ich vermuten Hefeweizen. Und so ziehen wir uns wieder an, und gesellen uns zu den Beiden und haben noch das ein oder andere schöne Gespräch. 21:30 heißt für uns dann Schlafen gehen, denn morgen soll die Königsetappe nach Livigno auf dem Plan stehen.

 

Nun wieder einige Bilder des Tages: 

 

Das Fimbertal in Richtung Heidelberger Hütte. Es zieht sich, aber ist locker -weil moderater Anstieg- zu fahren

Nach einer Stunde Aufstieg über 500 Höhenmeter ist es geschafft. Umrahmt von Schneebepunkteten Bergen ist der Fimberpass erreicht.

Das Unterengadin in Richtung Griosch. Unendliche Weiten und Einsamkeit

Nach der Anstrengung am Fimberpass konnte ich auch mal die Beine hochlegen

Der Dritte Tag steht im Zeichen einer Transferetappe aus dem einen Bike-Revier in das nächste. Und so fuhren wir nach einem ausgiebigen Frühstück entlang des Inntal-Radwegs in Richtung Zams. Kurz vor Zams verabschiedeten sich Frank und ich von Claudias Gruppe, um einige Höhenmeter in Angriff zu nehmen. Wir wollten zur Kronburg, die hoch über Zams thront und einen schönen Überblick  in das Tal verspricht. Noch mehr verspricht sie jedoch Abfahrtspaß über einen verwurzelten Trail um nachfolgend über einen Wiesenweg ganz flowig ins Tal zu führen.

Wir aßen in Zams eine Banane, um gleich darauf durch Landeck zu fahren. Hier führte uns der Weg über enge steile Straßen hinaus auf die Verbindungsstraße Landeck-Tobadil, wo wir noch ca. 6 Kilometer mit moderater Steigung bis Tobadil vor uns hatten. Der Ausblick in Richtung Paznaun und auch zurück zur Kronburg war sehr schön. Das Wetter war nicht sehr warm, eher frisch. Die Sonne war nicht zu sehen. Doch das verringerte die Aktivität meiner Schweißdrüsen nicht. Denn ein Kilometer vor Tobadil, als ich durch Zufall Claudias Gruppe einholte, war mein Trikot durchnässt. Frank, der etwas später ankam, hatte mit ähnlichem zu kämpfen.

Nun entschieden, wir, mit der Light-Gruppe zu fahren. Der Weg war ja fast der gleiche. Zumindest bis Tobadil. Claudia fuhr noch ganz gut mit, die Stimmung war gut. Nicht zuletzt durch den „Sonnyboy“ Jörg, der mit Marvin stets einen lustigen Ausspruch auf der Lippe hatte.

In Tobadil sollten sich unsere Wege wieder trennen. So dachte ich zumindest. Doch weit gefehlt, der Trail, den Frank und ich auf uns nehmen wollten (und der noch einige Hundert Höhenmeter Steigung bedeutete) sollte auch von der Light-Gruppe in Angriff genommen werden. Das erschien mir zwar nicht passend, war aber wohl der offizielle Weg. Ich fuhr mal mit Jörg, mal mit Frank, mal mit Marvin und machte zwischendurch einige Fotos. Letztlich fuhr ich auch mit Claudia, die nach einer Steigung Probleme mit der Atmung bekam. Das machte mir Sorgen. Hat sich Claudia überfordert? Ist sie zu schnell gefahren? Atemprobleme sind nun das Letzte, was man haben möchte. Doch glücklicherweise waren diese nach ca. 30 Sekunden nicht mehr vorhanden uns so begleitete ich Claudia die nächsten Meter in einem gemäßigteren Tempo. Bis zu einem Wandhydranten. Hier wartete die Gruppe. Und es war genauso, wie am ersten Abend besprochen. Niemand murrte, alle freuten sich, Claudia zu sehen. Das sprach für die Gruppe! Einfach tolle Menschen. Es geht auch anders. Das hatte ich ja nun auch schon erlebt.

Die letzten Meter zum Trail ging es noch einmal schiebend nach oben. Hier stand er, der Paznauer Killer-Hund. Er baute sich vor mir auf, bellte mich an. Ich baute mich vor ihm auf und mir schlotterten die Knie. Zum Glück rief ihn sein Besitzer zurück, denn mir war schon sehr unwohl in der Situation. Also ging ich vorsichtig an ihm vorbei, bevor ich begann, den Trail zu fahren. Die Abfahrt war für einige zu heftig. Hans und Sabine schoben vor mir, bis ich sie überholte, damit ich den Trail fahren konnte. Denn mir gefiel dieser und ich verlor etwas mehr Respekt vor dem Trail fahren, den ich gestern noch bei der Abfahrt von der Hochthörlehütte hatte.

Wir sammelten uns nach der abschließenden Wiesenabfahrt, wo wir auf Sabine und Hans warteten. Auch hier kein Murren, Mucken oder Lästern. So geht es auch!!
Mittagessen gab es in See. Spaghetti Bolognese und wer weiß noch was alles verzehrt wurde. Der Himmel klarte auf, die Sonne kam heraus, es wurde wärmer und wir nahmen die Steigung zum Paznauer Talweg auf uns. Der Talweg führt nicht im Tal entlang, sondern in einiger Höhe über dem Tal. Und er zeichnet sich durch wechselnde Steigungen und Gefälle aus. Diese alternierende Wegführung macht das Fahren nicht einfach. Bei mir stellte sich noch kein rechter Rhythmus ein und so ging es mehreren. Auch Claudia, die sich jedoch im Gegensatz zu mir quälte.
Woher wusste ich das? Frank und ich entschieden angesichts der gleichen Routenführung am Nachmittag wieder mit „unserer“ Gruppe zu fahren. Und das war auch gut so. Denn kurz vor Kappeln bot ich an, mit Claudia und Sabine im Tal weiter zu fahren. Es war heute so nicht der Tag von Claudia und im Tal erschien die Fahrt einfacher. Franz stimmte dem Vorhaben auch sofort zu und so ging es mit guter Geschwindigkeit herunter, um nachfolgend im Tal hoch in Richtung Ischgl zu treten.

Wir kamen recht gut voran und 2 Kilometer vor Ischgl trafen wir auch wieder auf den Rest unserer lustigen Leidensgemeinschaft für die Woche. Das war so nicht geplant, war aber fein, da wir so gemeinsam nach Ischgl einrollen konnten.

Das Hotel Castel in Ischgl ist nur zu empfehlen. Eine nette Chefin, ein guter Service, ein prompter Wäscheservice, tolles Essen, wunderbare Zimmer, ein toller Geruch im Haus und ein wenig Abstand zum eigentlichen Ortskern zeichnen das Hotel aus. Nach dem obligatorischen Getränk und der Dusche gingen wir noch kurz durch Ischgl, bevor das Abendessen rief.

Und Eines ist zu erwähnen. Ischgl scheint unheimlich viel Geld mit dem Tourismus zu verdienen. Wenn man sieht, wie viel Infrastruktur -angefangen von einer überdimensionalen Tiefgarage bis hin zu endlosen Metern Rolltreppe unter der Stadt- angelegt worden sind, so muss sich die Investition ja lohnen. Zumindest finanziell. Optisch lohnt es sich keinesfalls. Denn Ischgl kann man nur als hässlich, nicht der Umgebung angepasst bezeichnen. Ich finde es scheußlich. Auch dem Winter-Skizirkus, der mit vielen Konzerten von Musikstars, die omnipräsent mit großen Plakaten dargestellt werden, gespickt ist, wäre wohl nicht mein Ding. Aber Respekt habe ich schon vor der Marketingleistung, die Ischgl so bekannt und für einige Zeitgenossen offensichtlich begehrenswert gemacht haben.

Das Abendessen war ein Gaumenschmauß und so gingen wir mit müden Knochen in unser schönes Zimmer, um dem Körper wiederum etwas Ruhe und Erholung zu gönnen.

Nun wieder einige Bilder des Tages: 

 

Die Die ABfahrt von der Kronburg in RIchtung Zams. Nach einem Wurzeltrail fanden wir hier feinste Wiesen zum Radeln vor

Die Sonne hatte den Weg durch die Wolken gefunden und so fuhren wir bei warmen Wetter den Paznauer Talweg entlang durch Wiesen, Dörfer und Wälder

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