16 Jul 2019

Der vierte Tag sollte uns nun über den Fimberpass in Richtung Schweiz führen. Wir fuhren heute getrennt von der Gruppe. Wir waren ja auch Indis. Doch so ganz verließ uns die Gruppe nicht. Denn wie schon erwähnt, wollten Jörg und Marvin den Weg über den Fimberpass fahren. Und so konnten sie mit uns die Strapazen auf sich nehmen. Natürlich nicht ganz von unten aus Ischgl. Holger- ein anderer Guide- fände die Auffahrt zur Heidelberger Hütte wahrscheinlich angebracht. Aber wir wollten genießen, Spaß haben, die Natur und Sonne, die den heutigen Tag begleitete, genießen. Und so fuhren wir mit der Seilbahn erst einmal auf das Idjoch.


Hier trennte sich der Weg von Claudias Gruppe und uns. Während Claudias Gruppe über den Grenzkamm, der noch über einen weiteren Sessellift erreicht wurde, fuhr, um nachfolgend nach Samnaun abzufahren und über den Unterengadiner Höhenweg nach Scuol zu fahren verschlug es uns erst einmal auf einen Flowtrail bergab.

Heiko, der gestern schon hier gefahren war berichtete von nassen und auch ausgewaschenen Stellen, so dass wir darauf verzichteten, über die Greitspitz und den Salaaser Kopf herunter ins Fimbertal zu fahren. Wir fuhren also direkt von der Idalpe bergab über Flowtrails. An den nassen, ausgewaschenen Stellen waren Holzbohlen verlegt. Und das wäre fast mein Verhängnis geworden. Ich fuhr voran und merkte zum Glück auf der ersten Holzbohle beim Bremsen, dass diese Bohle wie Schmierseife war. Keine Bremswirkung! Ich brachte das Fahrrad noch unter Kontrolle, rief den anderen Vorsicht zu und musste merken, wie Adrenalin meinen Körper durchzog. Die erste Bohle war nass und matschig. Also konnte ich nicht von einer guten Haftung sprechen. Die nächste Bohle war nicht besser, war sie noch von Raureif überzogen. Also fuhren wir langsam bergab. Ich war heute der letzte, da ich immer noch vorsichtiger fuhr, als die anderen Drei.

Nach geschätzten 100 Höhenmeter Schieben ging es auf den nächsten Trail, der uns endgültig ins Fimbertal brachte. Hier kurbelten wir nun an schönen Wiesen vorbei mal etwas steiler, mal etwas flacher der Heidelberger Hütte entgegen. Ich vorweg, In einigem Abstand folgte mir Jörg und dann Frank und Marvin. Das Tempo lief gut und ich war nicht kaputt. Die Wärme, die sich mittlerweile einstellt, war auch kein Problem. Das einzige Problem war die Kuhherde, die vor einer Weidensperre stand und kein durchkommen versprach. Kälber waren von ihren Müttern umringt und so zog ich es vor, die Wiese hoch zu gehen, um in gehörigem Abstand über eine Feldmauer zu klettern, mein Bike ebenfalls darüber zu heben. Ich wollte die Tiere nicht stören und war nicht gerade darauf erpicht, Probleme zu bekommen. Während meines Aufstiegs auf der Wiese kam Jörg näher und die Herde löste sich etwas auf. Wie ärgerlich. Aber so konnte ich wieder einige Meter mit Jörg zu fahren, bis er das nächste Foto schoss. So fuhr ich die letzten Meter alleine zur Heidelberger Hütte. Hier sollte es ein Kaiserschmarrn sein. Der ist so hammergut auf der Hütte, so dass ich diesen auf jeden Fall noch vor der nächsten Anstrengung essen wollte.

Es gilt noch zu erwähnen, dass ich auf dieser Etappe wieder viele Murmeltiere hören und auch sehen konnte. Eines sogar recht nah, ca. 5 Meter von mir entfernt. Als ich jedoch auf die Pirsch ging, um ein Foto zu schießen, verkroch sich der kleine Racker schnell in seine Behausung. Aber auch auf dem späteren Aufstieg direkt zum Pass hörte ich mehrfach die possierlichen Tiere und sah auch einige, von denen eines sogar meinen Weg kreuzte.

Doch erst einmal an der Heidelberger Hütte angekommen, fühlte ich mich schlecht. Ich erfreute mich zwar an drei Murmeltieren, die miteinander spielten, aber irgendwie war ich leer. Ich weiß nicht, woran es lag. Interessanterweise ging es Jörg, der knapp 5 Minuten nach mir kam, genauso. Ich bestellte zwar den Kaiserschmarrn mit einer Johannisbeerschorle, aber so richtig Appetit hatte ich nicht. So teilte ich die Speise mit Jörg und das war auch genug. Mein Unwohlsein, entschwand jedoch nach 15-20 Minuten und so konnte ich den Kaiserschmarrn schon genießen. Eine zweite Schorle musste her um den Flüssigkeitshaushalt aufzufüllen. Denn nach dem frühen Mittag gegen 11:00 Uhr hieß es nun, den Aufstieg zum Pass wagen.

Zuerst führte Frank, dann zog es sich auseinander und ich konnte den Rest der Truppe hinter mir immer wieder sehen. Einige Meter konnte ich fahren, andere nur schieben. 500 Höhenmeter lagen so vor mir bzw. uns. Die Umgebung war eine Wucht. Schneedurchzogene Berge, blauer Himmel, Sonnenschein und völlige Einsamkeit -wenn man von den 2 Wanderern, die mich in den 60 Minuten des Aufstiegs beim Entgegenkommen begrüßten, mal absieht. Hier zeigt sich einfach ein weiteres Mal, wie klein wir doch alle sind. Und wie stark die Natur ist und wie schwach ich doch war (zum Glück war ich nicht der Einzige), zeigte sich auch an der letzten richtigen Steigung vor dem Pass. In Serpentinen ging es nun den Berg hoch. Das Fahrrad ist hier nicht mehr einfach zu halten. Selbst beim Schieben muss man ab und zu die Bremse ziehen, damit das Rad nicht zurück rollt. Die Höhe ist anstrengend, der Sauerstoffpartialdruck geringer, so dass das Atmen schneller ausfällt. Wir sind auf knapp 3000 Metern. Die habe ich auch bald erreicht, gehe über das letzte Schneefeld, wo man normal fahren würde. Und es ist geschafft!. "Wimboa-Bass" ruft mir 5 Minuten später Jörg in bestem Sächsisch  zu. Der Blick zurück, wunderbar. Der Blick nach unten ins Tal: ULP beschreibt es auf seiner Homepage so: „Ehrfürchtig blicken wir dem auf 2608 Metern gelegenen Fimberpass entgegen, dessen karge und raue Landschaft den Eindruck erweckt, man folge der Annapurna-Route (oder einem heiligen Bergpfad) im Himalaya. Auf einem wunderschönen Singletrail, der seinesgleichen sucht, verlassen wir diese hochalpine Region“. Und diesen Singletrail schauen wir uns von oben an. Wenn die Annapurna-Route genauso schön ist, wie die Abfahrt vom Fimberpass ins Unterengadin, so möchte ich da auch mal hin. Oder nein- wenn sie genauso schön ist, dann brauche ich da nicht hin, weil ich diese wunderbare Aussicht ja nun am Fimberpass erlebe.
Wir machen einige Fotos, Frank und Marvin kommen auch dazu. Marvin hat sich zwei Blasen gelaufen und wird fachmännisch medizinisch von unserem Rettungssanitäter Jörg versorgt und schon geht es bergab.

Das obere Stück des nun folgenden Singletails ist für meine Verhältnisse schon stark verblockt. Ich bin den Trail einmal mit Lutz, einmal mit Robert, einmal mit Holger und nun alleine gefahren. Und ich muss sagen, dass er in den letzten 5 Jahren zunehmend ausgesetzter geworden ist. So zumindest mein Gefühl. Also schiebe ich im oberen Teil mehr, als ich eigentlich möchte. Aber ich möchte hier auf keinen Fall stürzen. Trotz der -nach meinem Sturz 2018 und dem nachfolgenden Krankenhausbesuch- obligatorischen Knieschützer ist es mir hier doch zu gefährlich. Doch bald geht es wieder mit dem Fahren. Ein Schneefeld versperrt uns den Weg, wir gehen drüber um nachfolgend wieder zu fahren. An einigen Stellen erscheint mir der Trail zu rutschig. Ich habe offensichtlich den Sturz letztes Jahr noch nicht ganz verdaut, und so schiebe ich ab und zu ein wenig. Ich versprach es ja auch Claudia. Doch was macht Claudia gerade? Ist sie schon auf dem Unterengadiner Höhenweg? Das ist sicher auch ein grandioses Fleckchen der Erde. Die Aussicht dort ist wunderbar und ich konnte sie bei der „GoWild“ Tour mit Holger im Jahr 2017 genießen. Jedoch fuhren wir anders herum und ich kann mir so schon vorstellen, welche Herausforderung bei der mittlerweile gleißenden, heißen Sonne dieser Weg für Claudia sein mag.

Aber für mich und uns heißt es aufpassen. Die Kräfte sind ja nicht mehr die stärksten und so konzentrieren wir uns auf der nachfolgenden Speed-Abfahrt zur Tanna Da Muntanella in Griosch. Schade, der mir schon zweimal aufgefallene „Alp-Öhi“, der original wie im Heidi-Film aussieht, ist nicht da. Dafür die sehr nette Wirtin, die mir sogleich einen Rübli-Kuchen mit samt Alpenrosen-Sirup verkauft. Köstlich! So kann man es aushalten. Die Sonne scheint, ein toller Weg liegt hinter uns und wir haben noch einige wenige Trails durch den Wald in das Val Sinestra, über zwei Hängebrücken vor uns. Dieses gehen wir auch nach 40 Minuten an, um dann am späten Nachmittag in Sent und dann Scoul im Kanton Graubünden einzufahren. Der herrliche Wiesentrail mit Blick auf die Einfahrt zur imposanten Uina Schlucht und nachfolgend in das Tal, welches wir morgen nach S’Charl hinauf fahren wollen, beschließt den Tag.

Im Hotel Traube angekommen, heißt es Bike Pflege und Warten auf die Light-Gruppe, die mittlerweile „Leid-Gruppe“ getauft werden konnte. Denn die Light Variante der Strecke Garmisch-Comer See ist in meinen Augen eher eine Light+ Tour, wenn ich sie mit der Tour zum Gardasee vergleichen müsste.

Egal, die Gruppe ist auch da, das Abendessen, welches dem sehr angenehmen und geschmackvollem Ambiente des Hotels Traube in nichts nachsteht, beschließt irgendwann den Abend. Halt, noch nicht ganz. Wir schauen aus unserem Fenster des kleinen Zimmers unter dem Dach und sehen noch Jörg und Marvin ganz alleine auf der Terrasse etwas trinken. Was? Na, Claudia und ich vermuten Hefeweizen. Und so ziehen wir uns wieder an, und gesellen uns zu den Beiden und haben noch das ein oder andere schöne Gespräch. 21:30 heißt für uns dann Schlafen gehen, denn morgen soll die Königsetappe nach Livigno auf dem Plan stehen.

 

Nun wieder einige Bilder des Tages: 

 

Das Fimbertal in Richtung Heidelberger Hütte. Es zieht sich, aber ist locker -weil moderater Anstieg- zu fahren

Nach einer Stunde Aufstieg über 500 Höhenmeter ist es geschafft. Umrahmt von Schneebepunkteten Bergen ist der Fimberpass erreicht.

Das Unterengadin in Richtung Griosch. Unendliche Weiten und Einsamkeit

Nach der Anstrengung am Fimberpass konnte ich auch mal die Beine hochlegen

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Last modified on Sunday, 01 September 2019 16:39