Toolbar
Ullrichs shots

2016

Have 3 items

Sunday, 04 September 2016 09:34

Transalp 2016 -Day8

Am letzten Tag der Transalp ging es nicht mit dem Fahrrad, sondern mit dem Autobus von Colico am Comer See zurück zum Startort in Grainau. 09:00 Uhr Abfahrt, alle Räder sind verpackt und neben mir saß - ja, wer saß da eigentlich? Ich habe noch nicht einmal seinen Namen in Erinnerung. Ein Lehrer aus München, der individual zum Comer See gefahren war und früher als Guide für UlP gearbeitet hat. Wer es auch immer war, ich danke für die tollen Gespräche, die wir während der knapp 6 Stunden Busfahrt, vorbei an den Orten, die wir auch mit dem Fahrrad besucht hatten, geführt haben. Die Zeit war sehr kurzweilig und ich hätte noch lange weiter reden können. Und auch die Natur ganz entspannt aus dem Busfenster genießen können. Doch jetzt, wo es in Richtung Heimat ging, da war ich auch recht ungeduldig, bis wir endlich in Grainau ankamen. Es war ca 15:30 Uhr. Ich wollte um 16:00 Uhr auf der Autobahn sein, so dass ich gegen 22 Uhr ganz entspannt zu Hause ankommen konnte.

Doch daraus wurde leider nichts. Das Auto war schnell gepackt, Umarmung, Händeschütteln und nochmal ein ein ganz aufrichtiger und inniger Dank an Robert - und los ging es in Richtung Garmisch. Das Navi sagte "Stau". Also nur kurz in den Supermarkt, Brötchen und etwas Volvic Wasser gekauft und ich entschied mich über Ehrwald, Lermoos und nachfolgend Reutte-Füssen-A7 nach Hause zu fahren. Der letzte Blick zur Zugspitze im Ehrwalder Becken und ich erinnerte mich an den Sonntag zuvor, an dem wir durch Lermoos gefahren waren. Ein Mountainbiker baute gerade sein Vorderrad aus - Ach du! Rückspiegel - Hitzewellen!

Mein Vorderrad war nicht im Auto. Es lag wohl noch in Grainau. Na super, was man nicht im Kopf hat, hat man in den Beinen. Hier nun im Gaspedal. Ich fuhr zurück, rief noch schnell Robert an, der mir versicherte, dass mein Rad wohlbehalten in Grainau im Büro liegen würde. Nachdem ich -angesichts zahlreicher Sonntagsfahrer und einer sich im Fahrzeug schminkender Fahrzeuglenkerin- nach 25 Minuten in Grainau angekommen war, konnte ich mein Vorderrad, welches mich auf den vergangenen Etappen so problemlos durch Dick und Dünn gefahren hat, in Empfang nehmen.

Ich entschied mich, nicht mehr über Ehrwald und die A7 zu fahren. Jetzt hatte ich so viel Zeit verlogen (immerhin eine gute Stunde), so dass ich mich für die kürzere Variante Garmisch-München-Nürnberg-Leipzig-Goslar entschied. Ein Fehler! In Garmisch, bzw. vor Garmisch war nun ein Stau, der vor einer Stunde noch nicht so lang war. Ich kam erst einmal gar nicht aus Grainau heraus, brauchte knapp 45 Minuten, bis ich das nächste Mal vor Oberau im Stau stand. Nach über einer weiteren Stunde war ich endlich auf der A95 in Richtung München.

Ich hatte so ruhige, schöne Tage. Sollte ich jetz schon wieder -nach so kurzer Zeit- in die Hektik des Alltags verfallen? Ja! Zumindest temporär, denn ich wollte schnell nach Hause, damit mich die Müdigkeit nicht noch vor der Ankunft in Goslar überkommt. Also gab ich Gas. Für meine Verhältnisse richtig Gas. 180km/h, wo es ging. Ich hatte ja in Garmisch noch voll getankt. In München war ich eingermaßen schnell. Der Verkehr war jedoch dicht. Der Mittlere Ring in München ließ auch nicht viel Spielraum zur Zeitersparnis. Ebenso nicht der Weg bis Ingolstadt auf der A9. 17 km Baustelle mit Tempo 60. Aber dann wollte ich endlich voran kommen. Mein Auto surrte wie eine Nähmaschine. Keine Probleme und der Himmel änderte seine Stimmung in einen schönen Früherbst-Sonnenuntergang.

An Nürnberg vorbei hörte ich noch von der Landung eines Rettungshubschraubers hinter mir - Glück gehabt. An der Grenze zu Thüringen war es dann schon richtig dunkel und die Fahrt wurde schwieriger. Ich nahm ein wenig Tempo raus und fuhr mit 160 km/h auf der nun fast leeren Autobahn. Leipzig kam näher. Auch wenn das Navi mir zeigte, dass ich erst gegen 01:00 Uhr zu Hause sein sollte, so konnte das nicht sein. Kurzer Smalltalk mit einem älteren Ehepaar nach der Pipi-Pause (die wir auch so häufig auf unserer Tour hatten) und die letzten 150 km lagen vor mir. Alles gut gegangen. In reiner Fahrzeit von 5 Stunden und 18 Minuten und dem oben besagten Halt von 4 Minuten habe ich die 673 Kilometer hinter mich gebracht und konnte übermüde aber glücklich wieder meine Heimatbasis erblicken.

Was ist nun aus meiner Transalp 2016 geblieben? 8 Tage, die ich mit interessanten Menschen, einem ruhigen und sehr netten Guide, der uns sämltiche Entscheidungsmöglichkeiten gegeben hat, in einzigartiger Kulisse erleben durfte. Hierfür bin ich erst einmal dankbar.

Ich danke meiner Familie, die mein sehr zeitintensives Hobby stets unterstützt, insbesondere Claudia, die mich motiviert hat, trotz ihres Krankenhausaufenthaltes zu fahren. Ich danke aber auch meinen Mitstreitern auf der Tour. Wir waren eine homogene Gruppe! Jeder hatte den Freiraum, den ein Individuum braucht. Und wir haben als Gruppe gut funktioniert und das ist nicht selbstverständlich.

Letzlich danke ich unserem Guide Robert. Als ich ihn am Anfang gesehen hatte, hat mich der Schlag getroffen. Wenn ich ihm nur einige Gramm meines Körperfetts abgegeben hätte können. Ich hatte wirklich Respekt, dass es ein "Rennen" wird, wie im letzten Jahr. Aber Robert hat das eingehalten, was er am ersten Abend in Grainau versprochen hat: Genussradeln. Und darum ging es mir! Ein Beispiel ist hier die Königsetappe. Sind wir im letzten Jahr meine Königsetappe von Scuol nach Livigno in 08:32 Stunden gefahren, so waren es in diesem Jahr nach meiner Messung 09:49 Stunden. Und das war die gleiche Arbeit, die wir verrichtet haben. Aber wir haben uns mehr Zeit genommen und einfach mehr genossen (soll nicht heissen, dass das im vergangenen Jahr nicht schön war, im Gegenteil!). Diese Tour war  kein individueller testosterongesteuerter Wettkampf, bei dem jeder zeigen kann, was er drauf hat (oder nicht - letztlich ist ja dann das Material schuld oder die Tagesverfassung und niemand würde zugeben, dass etwas für ihn zu viel ist).

Nein, vielmehr wollte ich ehrführchtig die Berge hoch radeln, die Natur genießen, die Maßstäbe gerade ziehen (und sehen, wie klein und letzlich unbedeutend ich als einzelner Mensch bin). Und das, was im Allgemeinen als Schöpfung beschrieben wird, wollte ich in der in meinen Augen wunderbarsten Landschaft, die ich kenne, einfach nur genießen. Es ist mir gelungen!

Andreas, einer meiner Begleiter sprach immer davon, dass wir hier sechs ganz unterschiedliche Einzeletappen fahren. Wie recht er doch hatte. Sie unterschiedlich sind doch die einzelnen Regionen gewesen. Das Wettersteingebirge mit dem Ehrwalder Moos lässt sich nun nicht im Geringsten mit dem schroffen, kargen und einsamen Fimbapass vergleichen. Die Hochebenen um die Alpe Astra im Unterengadin sowie um den Passo Gallo in Italien hatten mit ihrer Einsamkeit und Schönheit nun wieder einen ganz anderen Eindruck hinterlassen als die flowige Abfahrt vom Berninapass in Richtung Oberengadin, wo die Seen so herrzlich ruhig die Frische im sonnigen Wetter brachten. Ganz besonders aber hat sich in meinen Augen der Berninatrail vom Furcola di Livignio zum Berninapass von allen anderen Wegen unterschieden. Hier war es einfach nur schön, die Massivität des Bernamassivs vor uns zu sehen und ohne Menschenkontakt ganz einsam in Richtung dieser höchsten Berggruppe in den Ostalpen zu schauen und zu fahren. Eben Cinemascope-Kino.

Jede Etappe hatte seinen Reiz und keinen Eindruck, den ich in den vergangenen Tagen aufgenommen habe, möchte ich vermissen. Auch ich kann das, was ich erlebt habe, weder auf Fotos, noch in diesen Texten auch nur annähernd darstellen. Es ist ein Versuch, der aber letztlich scheitern muss. Denn die Gerüche (ja, ich habe in den Alpen im Gegensatz zu meiner normalen Umgebung viel gerochen. Meine Nase hat funktioniert) lassen sich nicht wiedergeben. Die Klänge (ich habe auch Murmeltiere gehört, die ich noch im letzten Jahr gar nicht wahrgenommen habe) lassen sich nicht abspielen. Und auch die Gefühle, die durch Erschöpfung und auch den Stolz, diese Strecke fahren zu können und auch zu dürfen, enstehen, haben in ihrer Gesamtheit zu einer besonderen Stimmung geführt, die ich jedem nur wünschen kann und möchte. Für mich war es ein einmaliges Erlebnis, für das ich unendlich dankbar bin.

Ob ich es nochmal mache? Eine Steigerung ist kaum möglich. Aber -und auch das ist eine Erkenntnis der letzten acht Tage- eine Steigerung ist nicht nötig. Genießen wir doch das, was wir haben und hatten. Und freuen uns auf das Nächste, was wir haben werden. Es wird wieder einzigartig sein. Und darum geht es.

Euer Ullrich

Published in Places to go
Friday, 02 September 2016 00:00

Transalp 2016 -Day7

Nun ist es Sonntag und ich bin schon wieder zu Hause. Ich habe aber noch gar nicht den letzten Tag beschrieben, was ich hiermit nachholen möchte. Die letzte Etappe unserer Transalp sollte uns von Silvaplana, wo wir im Hotel Chasa Sur Lej geschlafen haben, nach Colico am Comer See führen. Die Etappe versprach nichts richtig aufregendes mehr. Die richtigen Alpeneindrücke ließen wir spätestens am Maloja Pass hinter uns. Bis zum Maloja Pass genossen wir jedoch das gemütliche Radeln entlang der oberengadiener Seen. Wir rollten ganz locker von Silvaplana an Sils Maria entlang, um dann auch irgendwann in Maloja anzukommen.

Da wir wie so häufig in der Woche gegen 09:00 Uhr los radelten, und in Richtung Süden fuhren, war es ganz natürlich, dass die Sonne aus dem Osten naturgemäß die Westseite des Oberengadins beschien. Wir radelten jedoch östlich des Silvaplanasees und nachfolgend des Silsersees entlang. September ist nicht Juli und so fröstelte es mich schon nach einigen Metern, als wir in den Radweg zum Silvaplansee einbogen. Kunststück- hatte ich doch sämtliche warme Sachen aus meinem Rucksack entfernt. Wir fuhren ja in die Sonne. Ca. 1600 Höhenmeter bergab. Das bedeutet ja über den Daumen 16 Grad mehr als hier oben in den Bergen. So fuhr ich mit kurzer Hose, kurzen Trikot bei gefühlten 9 Grad Celsius (oder 10 Grad) im Schatten. Wer zu dumm ist, den bestraft einfach das Leben.

Die Fahrt war entspannt, wir schauten noch kurz das Haus ins Sils an, in dem Nietzsche einige Sommermonate verbrachte (Danke Andreas, dass Du uns darauf hingewiesen hast). Nebenbei konnten wir beobachten, dass auch Pferdekutschen rückwärts einparken können. Und zwar ohne Rückfahrkamera und Rückspiegel im 90 Grad Winkel. Die Luft wurde wärmer, einige Sonnenstrahlen erwischten uns auch und wir genossen noch den Blick auf die Quelle des Inn über Maloja. Robert sprach einen Schweizer Milchbauen an. Aber so richtig gesprächig war er nicht (oder die Antwort kam erst heute -was wir naturgemäß nicht mehr mitbekommen haben-, da die Schweizer ja sehr behäbige fast langsame Menschen sein sollen). Eine ältere Dame in einem geschätzten Alter von 70 Jahren goss ihre Blumen. Hierzu stieg sie auf eine Bierzeltgarnitur-Bank um nachfolgend auf einem 15-20 Zentimeter breitem Wandvorsprung am Haus zu stehen, damit die Blumen im Blumenkasten vor dem Fenster auch Wasser bekamen. Das sah schon sehr gewagt aus, jede Arbeitsschutzfachkraft hätte einen Herzinfarkt bekommen. So half ich dann der Dame, weil ich einfach Angst hatte, sie könnte herunterstürzen und ich müsste noch Erste Hilfe leisten. Der Dank war mir sicher mit der Bemerkung, dass das normalerweise die Nachbarin macht. Das verringert ja die Gefahr des Blumengießens nicht im geringsten, ist nur dann das Proiblem der Nachbarin.

Nun ging es aber in Maloja bergab. Wir mussten Straße fahren und konnten knapp 400 Höhenmeter bis zur nächsten Ortschaft Casaccia rollen lassen. Wir waren im Bergell und gefühlt waren nun die Alpen hinter uns. Robert fand noch den ein oder anderen schönen Weg abseits der Straße aber die Berggefühle der letzten Tage waren bei mir nicht mehr vorhanden. Wir waren quasi über die Alpen gekommen ohne Panne und große Verletzung. Das sollte sich auf der Etappe, die wir eigentlich nur locker radeln wollten ändern. Erst hat sich unser Mitstreiter Martin an seiner Scheibenbremse verbrannt. In Kalifornien würden Menschen für so ein Branding viel Geld bezahlen, doch ärgerlich -wenn man das so lapidar sagen darf- ist es allemal. Ggf. ist auf der letzten Etappe die Konzentration bei dem ein oder anderen auch nicht mehr da gewesen. Bei mir hatte ich manchmal das Gefühl. Ich denke, dass die Narbe beliben wird, aber nach eigener Aussage waren die Schmerzen wohl nicht ganz so groß - also Glück im Unglück.

Auch technische Probleme gab es noch zu beheben. Auf dem letzten Singletrail dachte ich mir noch "Bisher keine technischen Probleme, kein platter Reifen. Und an dieser Stelle hier hatten wir letztes Jahr zwei platte Reifen auf ein Mal". Man soll es nicht beschreien, denn 5 Kilometer später entleerte sich mein Hinterrad innerhalb von 2-3 Sekunden. Somit hieß es für mich, Schlauchwechsel. Steffi und Andreas haben mir geholfen und so war die Sache nach 5-10 Minuten erledigt und wir konnten die Weiterfahrt nach Chiavenna fortführen. Wir waren schon ein gutes Team!

In Chiavenna Hier hieß es: Mittagspause in einer tollen Straßenwirtschaft neben dem Fluß. Die letzten schmackhaften Pizzoccheri fanden den Weg in meinen Magen. Zusammen mit einer Coke, die ich bestellte. Natürlich nicht PICCOLO, sondern GRANDE, es war ja sehr warm. Dass mir die Bedienung dann jedoch eine 1 Liter Cola-Flasche aus Glas auf den Tisch stellen wollte, irritierte mich doch sehr. Ich wollte ja nur nicht 300 Milliliter sondern einen halben Liter. Aber Andreas und Martin haben sich den Liter geteilt, weil es für mich dann doch zu viel war und ich habe mich dann mit einer Dose (was ich in Italien häufig in Restaurants gesehen hatte) zufrieden gegeben.

Nun hieß es Endspurt. Es ging über einen Radweg zum Lago di Mezzola. Hier wollten wir die finale Bergetappe angehen. Wir wagten den Aufstieg zu einer angeblich spektakulären Trasse über dem Lago di Mezzola. In etwa 900 Meter Höhe führt der Tracciolino Trail - eine Trasse einer ehemaligen Schmalspurbahn durch 20 Tunnels. Diese Trasse wurde beim Bau eines Wasserkraftwerkes angelegt. Nach letzten Berechnungen haben wir auf 6,5 Kiometern 771 Höhenmeter überwunden. Und das in der sengen Nachmittagssonne Norditaliens. Ich war der Vorletzte oben. Da merkt man das Alter und auch den zu Ende gegangenen Wasservorrat. Ehrlich gesagt, hatte ich auch Schwierigkeiten, mich noch zu motivieren. Ich kannte den Trail, war ihn letztes Jahr schon gefahren und so war es für mich nichts neues. Trotzdem habe ich dann den Blick aus der höhe auf den Lago di Mezzola und die Nordecke des Lago di Como genossen, bevor es zum Leidwesen meiner neuen Shimano Scheibenbremsen (die sich im Übrigen bestens bewährt haben) dann auch schnell wieder bergab ging.

Die letzten Kilometer in Richtung Colico am Comer See fuhren wir Straße. Es war mittlerweile kurz vor 18:00 Uhr und unsere Tour war am Strand von Colico zu Ende. Als Belohnung sprangen wir noch in das Nass des Comer Sees. Eine erfrischende Belohnung für die Strapazen der letzten Tage! Wobei Strapazen für mich eigentlich der falsche Begriff ist. Doch dazu in der Zusammenfassung morgen mehr.

Es war ein anderes Glücksgefühl, als bei meiner Ankunft in Colico nach meiner ersten Transalp. Ganz klar, das erste Mal ist immer etwas Besonderes. Aber ich war überglücklich und vor allen Dingen sehr zufrieden.

Abendessen und ein gemeinsames Eis mit den Radkollegen auf die heutige Geburt unserer Enkeltochter Luisa rundeten dann den letzten gemeinsamen Tag unserer 8er Truppe ab.

Nun zum Abschluss dieses Tages noch einige obligatorische Fotos. Bis später zum Abschlußresumee der Reise...

Ullrich

 

Der Malojapass ist erreicht


Blick auf den Lago di Mezzola und den Lago di Como vom Tracciolino Trail aus ca. 900 Metern Höhe


Der Comer See ist erreicht. Freudig wie Oskar und das Bad im See hat nicht lange auf sich warten lassen


Sonnenuntergang am Comer See - Fast schon bildlich für den Abschluß der Tour. Schöner kann es kaum sein.


Published in Places to go
Thursday, 01 September 2016 00:00

Transalp 2016 -Day6

Silvaplana im Oberengadin am heutigen Donnerstag, 18:00 Uhr: Nach nunmehr 9 Stunden ist die vorletzte Etappe meiner Alpenüberquerung dem Ende entgegen gegangen und ich liege kaputt aber sehr froh auf meinem Bett im Hotelzimmer. Auch heute will ich die Lesers wieder an meinen Erlebnissen teilhaben lassen und hoffe, ich kann die Eindrücke so beschreiben, dass sich auch derjenige etwas darunter vorstellen kann, der kein Fahrrad fährt oder auch noch nicht in diesen Regionen der Alpen unterwegs war.

Um 09:00 Uhr haben wir das nette Hotel in Livigno verlassen. Leider viel zu früh, da ich gestern angesichts meiner späten Ankunft dort gar kein leckeres Eis aus dieser tollen Lateria gegessen habe. Schade, aber natürlich habe ich auch heute früh nicht im Traum daran gedacht, vor unserer Fahrt noch nach einem leckeren Eis Ausschau zu halten. Wir sind los, aber wohin? Zur Mottolino Seilbahn. "Ach, jetzt fahren die schon wieder Seilbahn, die sollen doch die Berge hoch strampeln..". So oder so ähnlich mag der ein oder andere jetzt denken. Der Grund dieser Annehmlichkeit ist leicht erklärt. Wir wollten den Höhenweg von Livigno in Richtung Tresenda nehmen. Und dazu hätten wir 600 Höhenmeer Meter eine Straße mit viel Verkehr fahren müssen, oder eben die Seilbahn nutzen können. Letzteres ist sicherer und so entschieden wir uns bis auf Martin, der noch fahren wollte, für die Seilbahn.

Oben angekommen ein herrliches Panorama. Rechtsseitig der Livigno See, hinter uns der blick in Richtung Trelaalpe und den Trail, den wir gestern so schön heruntergefahren sind. Linksseitig konnte man in Richtung Bernina Gruppe schauen. Dee Sonne scheint, nur das Knattern eines Hubschraubers störte ein wenig. Es war frisch. 10 Grad Celsius. Die Jacke also an, um sie nach einigen Höhenmetern, die wir noch bergauf fahren mussten, wieder abzulegen.

Der Weg war ein feinster Trail. Nicht gerade entlang einer Höhenlinie, sondern bergauf und bergab. Aber eben schön zu fahren. An einigen Stellen ging es rechtsseitig steil bergab, so dass ich an zwei Stellen lieber schob, als auf dem rutschigen Untergrund zu fahren. Ich hatte noch in Erinnerung, dass gestern in Südtirol ein Mountainbikefahrer tödlich abgestürzt sein soll. Das muss ich ja nun nicht haben.

Nach dem Höhenweg ging es dann bergab. Entlang eines rauschenden Flusses ging es über Stock und Stein zwischen Nadelbäumen entlang. Ein wahrer Genuss für einen Mountainbikefahrer. Doch alles schöne hast ein Ende und so kamen wir irgendwann wieder im Tal an. Um nachfolgnd zum Forcola di Livigno, also dem Pass an der Grenze zur Schweiz, aufzufahren. Auch hier gab es zwei Möglichkeiten: Straße oder den Talweg. Ersteres ist wieder gefährlich (ich bin das letztes Jahr gefahren und es manchte keinen Spaß) also entschieden wir uns für den Talweg. Nicht so Andreas, der die vermeintlich einfachere Variante wählte, weil es ihm heute nicht so richtig gut gin.

Wer meint, dass ein Talweg unten im Tal lang geht, der hat sich geschnitten. Ich schrieb das schon einmal in Ischgl. Es ging auch hier mal hoch, mal runter, mal hoch mal runter bis es dann am Ende irre steil nach oben ging. Frag nicht nach Sonnenschein. Den hatten wir zwar auch, aber so viel sei verraten: mein Herz pumpte auf höchster Stufe, die Lunge hat sich selten so schnell mit Luft gefüllt und wieder entleert und meine Beine sind an die Leistungsgrenze gekommen. Aber ich bin ohne zu schieben hoch gefahren. Das gelang noch anderen, aber längst nicht jedem. Also war ich stolz wie Oskar und so eine Leistung verdient natürlich eine Belohnung. Die gab es auf dem Pass beim Mittagessen in Form von Pizzocceri. Kohlehydrate pur und die brauchten wir auch nach dem Mittagessen. Es ging in Richtung Berninapass. Man kann das auf der Straße fahren - das hatten ich jetzt schon zwei Mal beschrieben- und auf einem einsamen Trail hoch über den Köpfen der Autofahrer auf der Straße. Wofür wir uns entschieden haben, muss ich wohl nicht mehr erwähnen.

Und die Entscheidung war exzellent. Robert meinte, dass das einer der schönsten Ausblicke in den Alpen sei.  Er benannte es als "ganz großes Kino". Ich sage: "Vergesst Hitchcock, vergesst Spielberg und sonstige Regisseure"! Das war das beste Kino, das ich meinen Urlauben in den Alpen gesehen habe. Das Wetter passte auch. Die Sonne brannte vom Himmel und die Temperaturen war herbstlich moderat. Es war also nicht nur großes Kino, es war größtes Kino. Früher hat man immer mit Cinemascope für besondere Kinoeindrücke geworben. Das hier war Cinemascope in den Alpen.

Ich will nicht vergessen, dass die 200 Höhenmeter auch anstrengend waren. Denn es ging über einen Singletrail, der sehr mit Steinen versetzt war. Linksseitig ging es teilweise steil herunter (einmal schob ich aus Sicherheitsgründen) aber wenn man die Passstraßen so klein unter sich sieht, linksseitig und rechts wunderbare Berge und vor uns da Berninamassiv mit dem Piz Palü, dann ist das einfach umwerfend.

Wir erreichten den Berninapass, wo schon ein Bus älterer Leute stand. Eventuell muss ich später auch mit dem Bus in die Alpen fahren, weil ich nicht mehr Auto fahren kann. Aber dann kann ich mich immer an die schönen Eindrücke des heutigen Tages erinnern!

Und das waren noch nicht alle. Wir fuhren vom Bernina hinunter in Richtung Pontresina. Nicht auf der Straße, das ist mittlerweile selbstredend, sondern am Anfang verblockte, später recht geschmeidige Trails. Kurz vor Morteratsch  jedoch war unser Weg versperrt. Also umdrehen und wieder bergauf fahren? Da hatten wir wahrlich keine Lust am fünften Tag unserer Fahrradtour. Also fuhren wir einen schon sehr gewagten Trail Richtung Bahnhof Morteratsch. Wenn das Frank H. liest: Sehr viel anspruchsvoller als Kaiserweg und Salzstieg zusammen. Und ich habe es gemeister, ohne abzusteigen oder hin zu fallen. Bolle könnte nicht stolzer sein. Einmal wäre jedoch fast gestürzt. Ich bin über einen Felsen, wollte das Lenkrad runter drücken und hinter dem Felsen kam eine Kuhle, die in den nächsten Felsen überging, den ich nicht sah. Meine Federgabel hat ganze Arbeit geleistet und dank akrobatischer Gewichtsverlagerung, die ich eher reflexartig gemacht habe, als bewusst, gelang es mir dann doch, das Gleichgewicht zu halten. Aber auch dieser Trail war ein Erlebnis besonderer Art.

Am Bahnhof Morteratsch angekommen, bot uns Robert an, noch bis zum Morteratschgletscher zu fahren. Letztes Jahr war der Weg noch gesperrt, aber dieses Jahr konnten wir rein. Wir haben also gesagt, dass wir die 100 Höhenmeter noch auf uns nehmen wollen, Denn in diesem Tal kann man eindrucksvoll sehen, wie sich der Gletscher in den letzen 100 Jahren zurück entwickelt hat. Das war schon ein beendruckender Anblick. Im Jahre meiner Geburt war der Gletscher locker 400 Meter länger. Wie lange der Gletscher überhaupt noch besteht, bleibt abzuwarten. Im Hintergrund war noch der Pilz Palü zu sehen, bevor wir umdrehten und über den Bahnhof der rhätischen Bahn auf schönen Waldwegen nach St. Moritz zu rollen. Hinter Pontresina ging es mehrfach hoch und runter, aber das Ziel war in Sicht.

Während die Truppe in Richtung Silvaplana fuhr, kaufte ich mir noch schnell den unvergessenen Hirschsaslsiz, den ich mal in meiner Jugend essen durfte. Ich freue mich jetzt schon, wenn ich ihn nächste Woche verspeisen kann.

Morgen geht es über Maloja in Richtung Comer See und die Tour neigt sich dem Ende. Ein bisschen traurig bin ich schon, weil es einfach so schön ist und war. Aber ich freue mich auch, weil ich ja auch ein Leben neben dem Fahrradfahren habe. Und das ist auch ganz spannend und toll..

Ich berichte morgen noch einmal und abschließend dann noch einmal am Wochenende. Bis dahin alles Gute und Grüezi miteinander, wie man hier sagt...

Ullrich 

In der Ferne die Bernina Gruppe


Nach der Abfahrt vom Höhenweg


Die letzten Meter vor dem Forca di Livigno


Auf dem tollen Nachmittagstrail. Im Hintergeund Bernina mit dem rechtsseitigen Piz Palü


Der Morteratsch Gletscher von dem Punkt aus fotografiert, wo seine Zunge zu meinem Geburtsjahr gewesen ist.


Published in Places to go